Laufbericht Maximilian Sieber – 23.05.2020 (Corona Edition)

Nachdem ich in den vergangenen beiden Jahren mit großer Begeisterung am Fichtelberg Ultra teilgenommen habe, ist für dieses Jahr eigentlich mal was anderes vorgesehen. Selbstredend sind alle Planungen hinfällig. Da ich von der aktuellen Corona Misere dankenswerterweise weder gesundheitlich noch existenziell betroffen bin, steht aber schon Ende März der Beschluss, den Weg zum Fichtelberg dann eben individuell als eine Art Lauf-Saisonhöhepunkt zurückzulegen. Als Termin wird der Samstag nach Himmelfahrt auserkoren.

Die Tage vor dem Lauf verbringe ich in froher Erwartung, aber das große Kribbeln im Bauch fehlt irgendwie auch am Freitag noch. Vielleicht hätte man die Abholung der Startunterlagen noch simulieren müssen. Sei es drum, am Samstag geht es mit dem Schlagen der Kirchturmuhr um 7 Uhr los. Naheliegenderweise starte ich nicht am Wasserschloss, sondern am Elternhaus in Adorf etwa auf Höhe Gasthof in Richtung Klaffenbach. Für das Protokoll: das spart 10 bis 15 Höhenmeter und fügt etwa 600 Meter Strecke hinzu.

Oberhalb des Golfplatzes biege ich auf die Originalstrecke ein und habe sogleich den Anstieg zum Eisenweg vor mir. Es regnet leicht bei ungefähr 15 °C – perfektes Laufwetter. Die Beinchen fühlen sich gar nicht mal so gut an, also begnüge ich mich den Feldweg an der Schutzhütte vorbei mit lockerem Traben und gehe die zwei steilen Stücken. Die vor mir liegende Strecke bietet noch genug Gelegenheit zuerst locker und dann – erfahrungsgemäß eher früher als später – auch wieder fürchterlich fest zu werden. Oben auf dem Eisenweg begrüßt mich dieses Mal nicht der überaus rührige Organisator Ronald mit Familie und Fotograf, sondern Regen der kräftigeren Art. Es geht hinab nach Burkhardtsdorf über den Markt und in den nächsten Anstieg durch den Abtwald, am malerisch gelegenen Buschmühlenteich vorbei, hoch zum Tischl. Ich bin mittlerweile völlig durchnässt, ausnahmsweise mal nicht vom Schwitzen – was hätte ich die letzten beiden Jahre für eine Abkühlung in Form eines kräftigen Schauers gegeben. Irgendetwas ist halt immer. Nach kurzem Bergabstück über einen Wiesenweg nach Auerbach geht es den kurzen Stich am Bahnhof hinauf an der alten Bahnstrecke entlang immer moderat bergauf und dann zwischen Hormersdorf und Jahnsbach hindurch in Richtung Jugendherberge. Bis zum Fernsehturm sind es weitere 5 Kilometer und 100 Höhenmeter – alles nicht furchtbar steil, aber das zieht den Speicher um ein Korn nach dem anderen leer. Am Fernsehturm angekommen nehme ich gedanklich eine kurze Inventur vor: die Beinchen fühlen sich immer noch nicht so toll an, aber immerhin auch nicht wesentlich schlechter. Aus den jetzt etwas helleren Wolken fällt auch kein Regen mehr. Auf dem folgenden Abschnitt vorbei an Elterlein in Richtung Oberscheibe rollt es, denn es geht über mehrere Kilometer gerade hin oder leicht bergab. Hier hat man auch einen tollen Blick auf den Fichtelberg. Der steht sehr massiv und erscheint besonders hoch. Da liegt noch was vor mir.

Bei Überquerung der Straße nach Scheibenberg an der Jägersruh ist dieses Jahr meine Verpflegungsstelle. Hier sind schon über 32 Kilometer der Strecke absolviert, aber das harte Stück kommt ja noch. Meine Eltern stehen mit einem Korb: schnell Trinkblase auffüllen, zwei neue Riegel und ein paar Gummibären fürs Gemüt – in weniger als 3 Minuten ist die Sache erledigt. Detail: die Wettervorhersage am Freitagabend kündigte für den Fichtelberg mittags Regen und 6 °C an, also habe ich taktisch klug im Verpflegungskorb ein Jäckchen platziert, das ich aber gekonnt vergesse. Den Fauxpas bemerke ich nach ein paar hundert Metern, aber da bin ich schon um die nächste Ecke. Ich schelte mich den größten Idioten aller Zeiten. Meine Eltern sitzen wahrscheinlich schon im Auto auf dem Weg zu ihrem Kulturprogramm, das ihnen die Zeit bis zum Mittag auf dem Fichtelberg vertreibt. Sollte es nach oben hin kalt werden und regnen, muss ich halt schneller rennen – dumm nur, dass man dafür auch noch die Kraft haben müsste. Egal jetzt. Erst mal geht/läuft es weiter, ich kreuze zuerst den Emmlerweg, dann in Oberscheibe unterhalb der Brauerei Fiedler die B101 und biege in den Crottendorfer Weg ein. Es wird kurz steil, sinnigerweise gehe ich, um Kräfte zu sparen. Auf der Höhe zwischen Scheibenberg und Crottendorf angekommen hat man einen schönen Blick auf das Pumpspeicherwerk. Die eben mühsam erarbeiteten Höhenmeter vernichtet man sogleich wieder hinunter zur Wolfner Mühle. Ab hier kommt in meinen Augen der schönste, aber auch härteste Teil der Strecke. Mit immerhin schon reichlich 40 Kilometern in den Beinen geht es immer durch den Wald und stetig zunächst die Nitzschhammerstraße bergauf. Es folgt ein steileres Stück, sinnvollerweise mit dem Namen Bergstraße, und dann geht es über den Rachelweg kurz und steil hinunter ins Tal der Großen Mittweida. Damit sind nun schon mal alle Bergabmeter geschafft. Durch die Baumwipfel und durch eine sehr dünne Wolke hindurch ist sogar mal für eine Minute die Sonne zu erahnen. Ob es das ist oder etwas anderes – ich fühle mich, zumindest den Umständen entsprechend, ziemlich gut und absolviere das ganze Stück entlang der Großen Mittweida bis zur Kreuzung mit der Joachimsthaler Straße noch im Lauf- bzw. Trabschritt. Das ist zugleich ein Fortschritt, denn in den letzten Jahren waren hier die Kräfte schon ziemlich am Ende. Regen und Kälte kommen auch nicht. Zum Glück habe ich meine Jacke nicht aufgenommen, die würde jetzt nur stören. Ich lobpreise mich den größten Strategen aller Z… – so was ähnliches hatten wir schon. Der Anstieg auf der genannten Joachimsthaler Straße zieht mir dann aber doch den Zahn und zwingt mich zum Gehen. Über die Ausrücke geht es noch ein kurzes Stück etwas flacher und dann kommt der letzte Hammer, der Reitsteig. Ich absolviere diesen schnaufend im straffen Marsch. Im Geyrischen Wald, vor mittlerweile drei Stunden, hatte ich mein Ziel schon aufgegeben, nach 6 Stunden oben auf dem Fichtelberg zu sein. Mein Energieanfall entlang der Großen Mittweida hat mich nun aber offensichtlich wieder in dieses Zeitfenster befördert. Es wird knapp nicht reichen. Um 13.04 Uhr erreiche ich die Terrasse des Fichtelberghauses. Der Regen kommt erst etwa eine dreiviertel Stunde später.

Zugegeben, so ein richtiges „Wettkampfgefühl“ kommt zu keinem Zeitpunkt auf und die Nachwirkungen halten sich verglichen zu meinen vergangenen beiden Teilnahmen auch eher in Grenzen. Es fehlt nicht nur die Konkurrenz, sondern vor allem das Lauf-Gelapp vor, während und nach dem Rennen mit den Mitstreitern. Dennoch sorgt die Strecke einfach für ein tolles Erlebnis – der Weg zum Fichtelberg ist es immer wieder wert. Oder wie is Karzl sprechen tät: Besser wie in de Huus geschiss‘n. Großer Dank gebührt meinen Eltern für Verpflegung und Rücktransport.